Griechisches Sein

SONNTAG, 21. APRIL. 2019 NR. 23 803 | GESCHICHTE | DER TAGESSPIEGEL
Von Andreas Austilat

Fotos. Matthias Batk dpa-Bildfunk.

Die Männer klingeln nachts um 1.45 Uhr in Athens Prominentenviertel Kolonaki. Der Premierminister öffnet ihnen nur mit Hemd und Hose bekleidet, blickt in das Gesicht eines Hauptmanns. Er sei zu seinem Schutz gekommen, behauptet der Uniformierte. Panagiotis Kanellopoulos glaubt ihm kein Wort, schlägt stattdessen die Tür wieder zu und greift zum Telefon. Vergeblich, die Leitung ist tot. Augenblicke später splittert die Eingangstür und die Soldaten zerren Griechenlands Premierminister aus dem Haus. Es ist der 21. April 1967, die Operation Prometheus hat begonnen.
In New York versucht Melina Mercouri ebenfalls eine Nummer in Athen zu erreichen. „Ich kriegte keine Verbindung“, schreibt sie später in ihren Memoiren. Die Swinging Sixties haben viele Gesichter. Melina Mercouri ist gewissermaßen das griechische Antlitz jener Jahre. Sie ist ein Kinostar, der es von Athen auf eine Musicalbühne am Broadway gebracht hat, ist Teil einer Welle, die mit Alexis Sorbas und Sirtaki, mit Bouzouki und Souvlaki in den 60er Jahren ein Griechenlandbild vermittelt, das neu ist, das nichts mit dem klassischen Altertum, dafür mit Sonne. Musik und Leichtigkeit zu tun hat. Doch bevor sich der Vorhang in New York für Melina Mercouri hebt, überraschen griechische Offiziere die Weltöffentlichkeit.
Griechenlands konservativer Premier wird nicht als einziger in jener Nacht abgeführt. Durch Athens Straßen rollen 150 Panzer. Soldaten schwärmen aus. all jene zu verhaften, die auf ihren Listen stehen. Politiker. Künstler, Intellektuelle. insgesamt 8000 sollen es sein, werden mit Lastwagen und Fähren abtransportiert in Gefängnisse oder auf entlegene Inseln der Ägäis gebracht.
Nicht doch bei uns, denkt Melina Mercouri da noch, das Volk wird aufstehen. Griechenland ist Nato-Mitglied und der EWG assoziiert, wie der Vorläufer der Europäischen Union 1967 heißt. Eine Demokratie, ja, sogar deren Mutterland. Panzer, die eine legitime Regierung aus dem Weg räumen und gegen Zivilisten vorgehen, die kannte man natürlich, aus Ungarn und aus Ost-Berlin. Aber doch nicht im Westen. Wenngleich es auch dort Diktatoren gibt, in Portugal und Spanien. aber die hält man für eine Altlast, ein unangenehmes Erbe, das irgendwann überwunden sein wird.

April 2019 in Charlottenburg.
Kostas Papanastasiou erlebte den Putsch von 1967 in Berlin und war damals nicht ganz so überrascht. „Es gab Anzeichen“, sagt der heute 82-Jährige, dessen Locken grau und schütter geworden sind, aber immer noch vom Kopf abstehen. Papastanasiou hatte in seinem Leben schon viele Rollen inne. Manche kennen ihn als ersten Wirt im fiktiven griechischen Restaurant der TV-Serie ..Lindenstraße“. Nicht ganz so viele wissen, dass er in Berlin als Architekt etwa das Ku’Damm-Karree mitgebaut hat.
Seine wichtigste Bühne aber war für Jahrzehnte das Terzo Mondo, ein Restaurant in der Charlottenburger Grolmannstraße mit kleinem Podium und Versammlungsraum. Dort trat er als Sänger auf. heute führt sein Sohn den Laden, setzt die Tradition fort. Doch Kostas Papanastasiou sitzt an den meisten Abenden der Woche an seinem Stammplatz, jenem mit Flugblättern, Programmheften und Handzetteln bedeckten Tisch gleich links vom Eingang.
Wir haben gegen die Junta demonstriert“, erinnert er sich, „der Zug reichte von der Grolmannstraße den ganzen Ku’Damm runter bis zum KaDeWe.“ In Berlin lebten damals viele Griechen, überwiegend seien sie gegen die Diktatur gewesen. Auch Deutsche schlossen sich an. 1967 war ein zentrales Jahr der Studentenbewegung.
Was aber sind das für Anzeichen gewesen, von denen Kostas Papanastasiou spricht?
Nun, es habe bereits im Vorfeld viele kleine Putsche gegeben, wie er es ausdrückt. Militärs verschworen sich gegen die gewählte Regierung. Und wer genau hingeschaut hätte, dem wäre vielleicht da schon ein Name aufgefallen, der 1967 plötzlich in den Mittelpunkt rückt: Georgios Papadopoulos, Oberst der griechischen Armee. Geheimdienstoffizier und langjähriger Kontaktmann zur amerikanischen CIA. den vor allem eines auszeichnet: sein militanter Antikommunismus.

„Immer die Kommunisten“, sagt der Wirt vom Terzo Mondo, „aber um das zu erklären, muss ich früher beginnen.“ Kostas Papanastasiou wird als jüngster von fünf Söhnen in einem Dorf nahe der thessalischen Stadt Karditsa geboren, wo der Vater etwas Landwirtschaft betreibt. Als Kind erlebt er den Zweiten Weltkrieg und wie die Deutschen seine Heimat besetzen. Griechenlands Partisanen, unter ihnen zwei seiner älteren Brüder. wehren sich erbittert gegen die Besatzer. Die schlagen mit aller Härte zurück, üben oft grausame Vergeltung in griechischen Dörfern.
Die meisten dieser Partisanen gelten als links, die Briten unterstützen sie. Bis der Krieg zu Ende ist und ein neuer beginnt – der Kalte Krieg, der in Griechenland schnell ein heißer wird. „Meine Mutter“. erinnert sich Papanastasiou. „war eine kluge Frau. Aber sie konnte weder lesen noch schreiben.“ Diese Kunst beherrschen damals auf den Dörfern die wenigsten. „Können Leute, die weder lesen noch schreiben, etwas über den Kommunismus wissen?“, fragt Papanastasiou an seinem Tisch im Terzo Mondo und berichtet, wie er als kleiner Junge ein Gespräch seiner Eltern belauschte. Kommunisten. das habe die Mutter geglaubt, die würden auf den heruntergerissenen Ikonen tanzen, den griechischen Heiligenbildern. Was niemand je gesehen hat.

Griechenland ist wegen seiner Lage im Südosten Europas und seiner Nähe zur Konfliktzone im Nahen Osten 1945 für die neuen Machtblöcke von hoher strategischer Bedeutung. Und viele ehemalige Partisanen geraten nun unter Verdacht, das Land dem entstehenden Ostblock zuzutreiben. Während anderswo in Europa der Wiederaufbau beginnt, fallen in Griechenland Nachbarn übereinander her, auch das Ehepaar Papanastasiou wird verprügelt. Im Bürgerkrieg werden Gefangene gefoltert und ermordet. Vier Jahre dauert der Kampf, diesmal unterstützen Briten und Amerikaner nicht die Partisanen, sondern Offiziere wie Georgios Papadopoulos, der im Krieg zeitweise mit den Deutschen kollaboriert hat. Das ohnehin rückständige Land aber wird noch ärmer.
Zu Hunderttausenden verlassen in den 50er Jahren junge Griechen ihre Heimat, unter ihnen der 18-jährige Kostas Papanastasiou. An der Berliner TU studiert er Architektur, das Geld dafür verdient er sich unter anderem als Lagerarbeiter für Coca-Cola. Erst in den 60er Jahren scheint sich die Lage daheim ein wenig zu stabilisieren, doch die kulturelle Blüte steht in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Entwicklung, die weiter stagniert. Das Land leidet unter Korruption und Vetternwirtschaft. Da scheint ein Wahlsieg der moderaten Linken bei den für Mai geplanten Wahlen 1967 vielen wahrscheinlich.
Das ist der Tag, den die Militärs fürchten, denn der aussichtsreichste Kandidat bei diesen Wahlen, Andreas Papandreou, lässt keinen Zweifel daran, dass er die Armee parlamentarischer Kontrolle unterstellen will. Und es ist der Moment, in dem man sich an einen Plan erinnert, der für den Fall einer kommunistischen Machtübernahme erdacht wurde: Prometheus, benannt nach jener Gestalt der griechischen Mythologie, die den Menschen das Feuer brachte.
Prometheus soll vom Generalstab eigentlich nur mit Zustimmung des Königs ausgelöst werden.
Doch es sind nicht die zögernden Generäle, es ist die zweite Reihe um den Obersten Giorgios Papadopoulos, die den Plan längst in ihrem Sinne modifiziert und um eine Menge Namen jener ergänzt hat, die sofort zu verhaften sind.
Georgios Papadopoulos, geboren vor 100 Jahren, am 5. Mai 1919, stammt aus eher einfachen Verhältnissen in der griechischen Provinz. Nicht zuletzt wegen seiner engen Kontakte zum amerikanischen Geheimdienst und der millionenschweren Unterstützung für das griechische Militär hält sich bis heute in Griechenland die Überzeugung, dass der ganze Coup vom Ausland gesteuert wurde.
Die Offiziere, die in jener Aprilnacht die Macht an sich reißen, geben in ihren operettenhaften Uniformen, den Schärpen und Sonnenbrillen eine seltsame Figur ab. Nicht nur ihr Führer Papadopoulos, alle drei stammen aus eher einfachen Verhältnissen und versprechen, die ländliche Bevölkerung zu fördern. Die Jugend aber verlieren sie schnell mit ihrer Ablehnung von allem, was irgendwie als modern gilt.
Miniröcke werden verboten, westliche Musik auch, so wie die langen Haare, Zeitungen und Literatur werden zensiert, die Lektüre vieler Klassiker untersagt. Das Land fällt in eine Art Schockstarre. Schriftsteller weigern sich, überhaupt noch eine Zeile zu veröffentlichen, die konservative Verlegerin der größten Zeitungen des Landes ordnet sogar an, dass ihre Blätter unter diesen Bedingungen gar nicht mehr erscheinen.
Umso lauter erheben die Griechen im Ausland ihre Stimme, unter ihnen Kostas Papanastasiou, der inzwischen der griechischen Gemeinde Berlins vorsteht. Das Terzo Mondo wird 1972 auch gegründet, um ihr einen Versammlungsort zu geben. Sein Engagement bleibt daheim nicht unbemerkt. „Sie haben mich in Abwesenheit zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt.“
Im Terzo Mondo wird bis heute diskutiert, werden Ausstellungen organisiert und Musik gemacht. Etwa die von Mikis Theodorakis, dem 1967 bereits legendären populärsten Musiker Griechenlands, den Papanastasiou persönlich kennt. Es ist vorgekommen, dass Theodorakis nach einem Konzert in Berlin hier eine Zugabe spielte.
Im April 1967 ist es Theodorakis zunächst gelungen, unterzutauchen, im August kriegen sie auch ihn. Seine Häscher sind vorsichtig geworden, zu groß ist die Aufmerksamkeit, die sich auf ihn richtet. Sie wagen nicht, ihn anzutasten, aber Theodorakis muss die Misshandlungen anderer Häftlinge mit anhören. Wer seine Musik hört, macht sich strafbar, im Ausland wird er dadurch noch populärer.
Sie erklingt im Film „Z – Anatomie eines politischen Mordes“ mit Yves Montand in der Hauptrolle. Der Film, eine Parabel auf die Vorgeschichte des Putsches, gilt als stilbildend für das Genre des Politthrillers und erringt zwei Oscars.
Melina Mercouri trifft ebenfalls der Zorn des Militärregimes. General Pattakos, zweiter Mann unter den Diktatoren. lässt ihr die Staatsangehörigkeit entziehen. Melina Mercouris Antwort ist filmreif: „Ich bin als Griechin geboren und werde als Griechin sterben. Herr Pattakos ist als Faschist geboren und wird als Faschist sterben.“
Die Papadopoulos-Regierung beauftragt zwei Agenturen in den USA und Großbritannien mit einer Imagekampagne, lädt auch deutsche Parlamentarier ins Land. Doch selbst, wer sich in den frühen 70er Jahren nur flüchtig umsieht, bemerkt Veränderungen. An Eisenbahnlinien, Brücken und Verkehrsknotenpunkten stehen Soldaten Wache. Im Land ist der Untergrund aktiv geworden. Ständig explodieren irgendwo Sprengsätze. Auch der Widerstand ist auf sein Renommee bedacht, es kommen keine Menschen zu Schaden.
Die Militärs herrschen sieben Jahre lang. Schließlich konspirieren sie gegeneinander. Erst wird der König ins Exil getrieben – wo er für immer bleiben wird. Dann wenden sie sich gegen ihren Chef, Georgias Papadopoulos, der sich zum Staatsoberhaupt gemacht hat. Der Aufstand der Athener Studenten besiegelt seinen Abstieg. Zu Tausenden besetzen sie im November 1973 die Technische Universität. Das Militär lässt das Gelände stürmen. Mindestens 23 Menschen sterben, bis heute wird ihrem Opfer jedes Jahr am 17. November in einer Demonstration in Athen gedacht. Die internationale Entrüstung ist groß, das Land isoliert, Papadopoulos für seine Offizierskollegen nicht mehr tragbar.
Deren Sturz ist ein halbes Jahr später fällig, nach einem außenpolitischen Abenteuer. Sie inszenieren auf Zypern einen Staatstreich, um die unabhängige Mittelmeerinsel heim nach Griechenland zu holen, wie sie das nennen. Der Coup löst beinahe einen Krieg mit den benachbarten Türken aus, die ihrerseits auf Zypern einmarschieren und fast 40 Prozent der Insel besetzen. Bis heute hält der Konflikt an, eine Erblast der Diktatoren und ihrer Hybris.

Sollte Melina Mercouri gemeint haben. General Pattakos werde wegen seiner Taten im Gefängnis sterben, behält sie nicht Recht. Er wird wegen Hochverrats zum Tode verurteilt, die Strafe aber in lebenslänglich umgewandelt, nach 16 Jahren kommt er aus gesundheitlichen Gründen frei. Anders seine Mutdiktatoren, die sterben in Haft.
Sind diese sieben Jahre nur eine traurige Episode in der Geschichte des Landes gewesen, heute vergessen? Sicher nicht bei den Angehörigen derer, die ihr Leben verloren, sagt Kostas Papanastasiou. Oder bei jenen, deren Hoffnungen, deren Karrieren beendet wurden, weil sie etwa ihr Studium aufgeben mussten.

Und schließlich ist da noch dieses tiefsitzende Gefühl, einmal mehr ein Spielball größerer Mächte gewesen zu sein. „Am Ende“, ist Kostas Papanastasiou überzeugt, „werden die Griechen mit der Rechnung immer alleine gelassen.“


Mit Panzern geht das Militär im November 1973 gegen demonstrierende Studenten vor. Nach der Aktion ist das Regime international völlig isoliert.

Zeuge des Exils, Kostas Papanastasiou, Architekt, Schauspieler und Musiker, bekannt aus der „Lindenstraße“, gründet 1972 in Charlottenburg das Restaurant „Terzo Mondo“, um dem Widerstand hier einen Versammlungsort zu geben.



Fotos. Matthias Batk dpa-Bildfunk